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Interview

Akuter Schmerz

Im Gespräch mit Privatdozent Dr. med. Thomas Meuser, Bergisch-Gladbach

Privatdozent Dr. med. Thomas Meuser, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Marien-Krankenhaus, Bergisch-Gladbach, befürwortet eine aktivere Rolle des Patienten beim postoperativen Schmerzmanagement.

Herr Dr. Meuser, wie würden Sie die derzeitige Situation des postoperativen Schmerzmanagements beschreiben?

Meuser: Beim postoperativen Schmerzmanagement existiert eine Unterversorgung, obwohl eine breite Palette an verschiedenen Medikamenten zur Verfügung steht. Mit der invasiven patientenkontrollierten Analgesie (PCA) kann der Patient den Bedarf seiner Schmerzmedikation selbst bestimmen, was positiv zu bewerten ist und was uns eine wichtige Erkenntnis gebracht hat: Es gibt Patienten, die das PCA-System so selten auslösen, dass sie über den Tag gesehen nur eine niedrige Dosis an Schmerzmitteln erhalten, während andere die Schmerzpumpe deutlich häufiger in Anspruch nehmen. Das zeigt deutlich, dass der individuelle Bedarf an Schmerzmitteln in der postoperativen Phase sehr stark variiert. Und so ist es auch zu erklären, dass der wirkliche Bedarf in der Schmerztherapie einer krassen Fehleinschätzung unterliegt.


Sind Sie der Ansicht, dass das Schmerzempfinden und der daraus resultierende postoperative Analgetikabedarf der Patienten häufig falsch eingeschätzt wird?

Meuser: Der Patient ist derjenige, der seinen Körper am besten kennt, der die Wirkung der Schmerzmittel oder den Bedarf an weiteren Analgetika spürt und am besten beurteilen kann. Weder Ärzte noch Pflegende können das richtig einschätzen. Das macht es auch für den weiteren Verlauf der postoperativen Schmerztherapie schwierig, die Dosierung herauszufinden, die im therapeutischen Bereich liegt und bei der eine gleichmäßige Plasmakonzentration erzielt wird. Das funktioniert am besten, wenn wir dem Patienten die Steuerung der postoperativen Schmerztherapie überlassen. Die Achterbahnfahrt zwischen zu hohen und zu niedrigen Wirkspiegeln bleibt ihm somit erspart. Das funktioniert in der Regel nicht, wenn die Analgetikagabe nur auf Zuruf erfolgt. Wenn Patienten im Rahmen einer „nurse controlled analgesia“, also einer durch die Pflegenden gesteuerten Analgesie, Schmerzmittel benötigen, wird ein relativ komplexer Prozess in Gang gesetzt: Der Patient muss erst nach einem Pflegenden rufen, der Pflegende fragt beim Arzt nach, dieser wiederum muss das Medikament verordnen. Und so kann bei der Arbeitsbelastung auf den Stationen einige Zeit vergehen, bis der Patient das Medikament erhält, und wenn er es endlich hat, muss er nach der Einnahme noch einige Zeit warten, bis die Wirkung eintritt. Diese Abläufe müssen wir verkürzen.


Welchen Einfluss hat das postoperative Schmerzmanagement auf die Patientenzufriedenheit?

Meuser: Je besser der Patient informiert wird und in das Konzept des postoperativen Schmerzmanagements aktiv eingebunden ist, desto zufriedener ist er. Es ist wichtig, den Patienten frühzeitig aufzuklären, an den schmerztherapeutisch relevanten Entscheidungen zu beteiligen und ihm die Steuerung der Therapie zu ermöglichen, damit er sie seinem individuellen Schmerzverlauf anpassen kann. Patienten, die eine PCA erhalten, sind in der Regel zufriedener als Patienten, die Schmerzmittel auf Zuruf erhalten. Es gibt allerdings insbesondere bei der intravenösen PCA Herausforderungen, die wir nicht unbeachtet lassen dürfen, da sie ihrerseits zu einer gewissen Unterversorgung führen können. Beispielsweise kann der Schlauch abknicken oder es kommt zu einer Dislokation des peripheren Venenverweilkatheters. Es kann zu Problemen an der Einstichstelle kommen und letztlich ist die intravenöse PCA ein Verfahren, das den Patienten bis zu einem gewissen Grad immobilisiert.


Besteht somit Bedarf an neuen Konzepten für ein effektives posttherapeutisches Schmerzmanagement?

Meuser: Für mich stellt sich die Frage, ob die intravenöse PCA wirklich noch der Goldstandard ist oder ob wir alternative Methoden benötigen. An der patientengesteuerten Analgesie kommen wir nicht vorbei. Es ist meiner Ansicht nach eine Selbstverständlichkeit, dass wir die Eigenverantwortung des Patienten stärken und dass wir beim postoperativen Schmerzmanagement einfache und vor allem sichere Wege wählen sollten. Wir müssen den Patienten mit ins Boot holen, und wenn wir ihn schon im gleichen Boot sitzen haben, sollten wir ihn auch steuern lassen.

 

Herr Dr. Meuser, vielen Dank für das Gespräch.

 

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